Heldenchor der gefallenen Engel
Ein Projekt, das Obdachlose zurück in die Gemeinschaft führt.
Er sitzt wie ein scheuer Vogel auf dem braunen Klavierhocker, murmelt Liedtexte in den Raum. Die Stimme leise, die Stirn gekräuselt, die Augen konzentriert. Mit der Person, die man aus den Polizeiakten kennt, scheint Sancy (35) nichts mehr gemein zu haben. Denn die Unterlagen erzählen von Überfällen, Schlägereien, Kokaingelagen und Autoschiebereien.
„Das bin ich nicht mehr“, sagt Sancy stolz. „Seit drei Monaten bin ich ein anderer Mensch!“ Er ist jetzt nur noch Sänger – im Straßenchor der gefallenen Engel.
Obdachlose, Prostituierte und Drogensüchtige proben zwei Mal in der Woche in der Zwölf Apostel Kirche (Schöneberg) ihr großes Halleluja. Ein Projekt, das Menschen am Rande der Gesellschaft zurück in die Gemeinschaft führen soll. Pianist Stefan Schmidt (44) gründete den Chor. Er suchte seine Stars voriges Jahr auf Bahnhöfen sowie in Obdachlosenheimen und Drogenberatungsstellen.
Und jetzt sind sie hier: 40 Sänger – aus dem Knast, aus der Psychiatrie, aus dem Obdachlosenheim. Sie stehen da in abgewetzten Klamotten. Die Narben auf der Seele zeichnen ihre Gesichter.
Sancy lacht. Er hat schon wieder die Liedzeile vergessen. Alle lachen mit. „Ich hatte noch nie in meinem Leben so viel Spaß“, sagt er.
Mit 14 Jahren war er von zuhause abgehauen, fing an zu klauen, lebte auf der Straße, nahm Drogen. Erst Haschisch, dann Kokain. Jeden Tag. Mit Prügeln verdiente er seinen Lebensunterhalt – er trieb Schulden für Bekannte ein. 2001 wird er bei einer Schlägerei festgenommen, sitzt fünf Monate in der JVA Moabit. Jetzt ist Sancy auf Bewährung. „Der Chor gibt mir Kraft, zeigt mir, dass ich auch was anderes kann außer Klauen und Prügeln“, sagt er. Die Vergangenheit ist beim Halleluja für ein paar Stunden vergessen.
Vergessen – das will auch Franziska (22). Die Wunden auf ihrem Arm heilen langsam. 15 Löcher hat sie sich mit Zigaretten in die Haut gebrannt. Franziska hat eine Persönlichkeitsstörung, leidet unter Selbsthass, starken Stimmungsschwankungen. Als Kind wurde sie misshandelt, missbraucht. „Im Chor erfahre ich, dass ich wirklich etwas kann, nicht nur ein nutzloses Kind bin. Das ist besser als jede Psychotherapie, die ich bisher gemacht habe“, sagt sie.
Auch Matze (46) ist stolz. Der Obdachlose vom Bahnhof Zoo hält heute eine kleine Rede. Der Saal ist still. Alle hängen an seinen Lippen. „Ihr gebt mir Kraft, ich habe tolle Menschen kennengelernt. Danke“, ruft er. Dann: Applausdonner.
Matze weint. Das Piano setzt ein. Noch zwei Lieder: Nenas „Wunder geschehen“ und Bowies „Helden“. Dann fällt der Vorhang. Für heute! Von der Bühne gehen alle auf die Straße zurück. Es regnet. Alle lachen.
Sancy hat jetzt ein Bewerbungsgespräch, Franziska will einen Termin beim Jugendamt machen und Matze heute nichts mehr trinken. Am Dienstag gibt der Straßenchor sein erstes, großes Konzert in der Universität der Künste (Karten: 15 Euro), bald erscheint die CD (15 Euro). Der Gesamt-Erlös geht dem Projekt zu.
Wer mitsingen möchte, kann sich hier melden: Treberhilfe Berlin, Hauptstraße 9, Schöneberg Tel:(030)7879090.





