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Der Held von Haiti

Charité-Arzt Dr. Tinnemann arbeitete 14 Tage in einer Kinderklinik.

Wenn Peter Tinnemann (42) das Foto der kleinen Odeline (2) sieht, hat er Tränen in den Augen. Zwei Wochen Erdbeben-Hölle hat der Charité-Arzt hinter sich. 14 Tage Helden-Einsatz in Haiti. Erinnerungen, die Narben auf seiner Seele hinterlassen haben.

„Das Bild mit Odeline entstand an meinem zweiten Tag im Einsatz“, sagt Tinnemann. „Nach dem Erdbeben lag die Kleine mehrere Stunden verschüttet in einem Haus. Der Vater konnte sie mit Nachbarn gerade noch rechtzeitig aus den Trümmern befreien. Ihre Mutter lag neben ihr, für sie kam jede Hilfe zu spät.“ Im Krankenhaus mussten Ärzte das Bein der 2-Jährigen amputieren. Kurz nach der OP besuchte Tinnemann das Mädchen, schenkte ihr ein Plüschtier und tröstete sie.

Das Horror-Erdbeben – am Dienstag, 12. Januar, um kurz vor 22 Uhr unserer Zeit erschütterte es Haiti. Mindestens 217000 Menschen kamen ums Leben. Tinnemann wurde von der Hilfsorganisation „Unsere kleinen Brüder und Schwestern“ eingeschaltet, für die er sich seit 1996 engagiert. „Die Charité stellte mich zwei Wochen frei. Ich nahm sofort den nächst möglichen Flieger und unterstützte die Ärzte im Kinderkrankenhaus St. Damien in Port-au-Prince.“

Die Klinik war eines der wenigen Gebäude, die unbeschädigt geblieben waren. Entsprechend überfüllt die Räume. Mit 300 Patienten pro Tag – darunter auch viele Erwachsene – kamen doppelt so viele, wie die Kinderklinik eigentlich aufnehmen kann. Doch nur zehn Ärzte waren in der ersten Woche nach dem Unglück vor Ort, Medikamente und Nahrung wurden bald knapp. Viele Patienten lagen im Vorgarten, warteten mit Brüchen und tiefen Schnittwunden auf Versorgung. „Ich teilte die Patienten ein“, sagt der Arzt. „Es ging darum, wer sofort behandelt werden musste, etwa offene Brüche, und bei wem eine OP später stattfinden konnte. Patienten mit Abschürfungen wurden gleich von Krankenschwestern versorgt.“ Tinnemann arbeitete 19 Stunden jeden Tag.

Und er war auch Seelsorger für verwaiste Jungen und Mädchen. „An einem Tag brachten Hilfskräfte eine Gruppe von 30 Kindern aus einem anderen Krankenhaus, das komplett eingestürzt war. Sie standen unter Schock, mussten beruhigt werden. Wir hatten keine Akten der Kleinen, kannten ihre Krankengeschichten nicht und wussten auch nicht, ob ihre Eltern noch leben.“

Tinnemann kann wie die vielen anderen Helfer stolz auf seinen Helden-Einsatz sein, der ihm noch lange zu schaffen machen wird. „Einmal nahm ich an einem Massenbegräbnis teil. Die Körper der Toten lagen in Pappmaché-Särgen und wurden auf einem Feld hinter den Trümmern beerdigt. Szenen, die ich wohl nie vergessen kann.“

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